Mein Großvater

niemoeller-wilhelmy-grossNach dem Unfalltod meines Vaters zogen wir nach Ebernburg. Dort hatte mein Großvater sein Haus um einen Anbau erweitert und für meine Mutter und ihre zwei Jungen eine Wohnung eingerichtet. Mein Großvater wurde zu einer Art Ersatzvater für mich. Mein Leben lang habe ich mich an Autoritäten gerieben und zu diesen gehörte auch er. Aber es blieb mir wenig Zeit für diese (auch intellektuelle) Auseinandersetzung, denn bei seinem Tod war ich noch mehr Kind als Jugendlicher. Später erkannte ich, welchen Einfluss er auf meine Entwicklung haben sollte.

Mein Großvater hielt seine Lebenserinnerungen in einem Buch fest. Das heißt, eigentlich befassen sich diese Erinnerungen nur mit den Jahren kurz vor bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Heinz Wilhelmy war Pfarrer und Mitglied der ersten Stunde in der Bekennenden Kirche um Martin Niemöller und Hans Gollwitzer u.a., die Widerstand gegen das Nazi-Regime in der evangelischen Kirche organisierte. In seinem Buch berichtet mein Großvater, dass seine Predigten von der Gestapo während des Gottesdienstes abgehört und er noch während des Krieges von der Kirche suspendiert wurde. Nur ein Zufall bewahrte ihn vor Inhaftierung und Deportation. Ein Bekannter im Reichskriegsministerium warnte ihn vor der unmittelbar bevorstehenden Festnahme. Dieser entging er, indem er sich freiwillig als Soldat an die Front in Russland meldete. Dort wurde er Zeuge von Judenerschießungen und anderen Gräueln. Diese Erlebnisse machten ihn zum überzeugten Pazifisten.

Die Kriegsjahre waren auch deswegen besonders schwer, weil er kein Gehalt mehr bezog und seine Familie nur durch Spenden aus der Gemeinde über Wasser gehalten wurde. In seinen Erinnerungen habe ich viel über das Kämpferherz meines Großvaters gelesen, das zum einen theologisch begründet und von seinem Glauben geleitet war, aber genau so sehr auch seiner Persönlichkeit und seinem Charakter entsprach. Heinz Wilhelmy starb 1980 im Alter von 74 Jahren…

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