Ach, wie theatralisch

wilhelmy-beckMan beginnt Verständnis zu entwickeln für die Fraktionsführung, die bei dieser großzügigen Gewährung von Zeit und Raum für die fraktionsinterne Diskussion die Geduld verlor mit dem notorischen Querulanten Wilhelmy, der damit nicht zufrieden das Thema immer wieder in die Öffentlichkeit getragen hatte.

Schließlich kam es zur entscheidenden Abstimmung. Ich plädierte dafür, sie offen durchzuführen, man bestand auf Stimmzetteln. Das Ergebnis fiel aus wie erwartet: Mit 21 Ja-Stimmen bei nur zwei Gegenstimmen wurde mein Ausschluss aus der SPD-Fraktion beschlossen. Außer mir hatte nur ein weiteres Fraktionsmitglied mit Nein gestimmt.

Sofort nachdem das Ergebnis bekannt gegeben wurde, sagte Axel Imholz: „Damit stelle ich fest, dass Kollege Wilhelmy aus der Fraktion ausgeschlossen ist. Jetzt machen wir erst mal eine Pause.“ Ich sagte: „Stopp! Du wirst mir noch gestatten, dass ich mich verabschiede, bevor hier alle rauslaufen.“ Ich hatte meine Unterlagen schon so hingelegt, dass ich sie schnell greifen konnte. Dann stand ich auf und lief in die Mitte des Saales. Die Tische waren im Viereck angeordnet, einer fehlte, sodass man dort in die Mitte laufen konnte.

Ich begann mich von jedem mit Handschlag zu verabschieden. Wenige quittierten das mit hämischen Bemerkungen wie der Kollege Dieter Horschler, der sagte: „Ach, wie theatralisch.“ Aber den meisten konnte ich ansehen, dass sie einen Kloß im Hals hatten. Ein Stadtverordneter, mit dem ich mich immer besonders gefetzt hatte – politisch und auch persönlich – stand sogar auf, als er mir die Hand reichte. Ausgerechnet derjenige, der mich in der Vergangenheit am meisten bekämpft hatte, bewies mir auf diese Weise seinen Respekt. Das hatte ich nicht erwartet.

Ich ging anschließend auch noch in die Geschäftsstelle, um mich von den Fraktionsmitarbeitern und – mitarbeiterinnen zu verabschieden. Dort spürte ich durchaus menschliche Wärme und Bedauern, auch wenn sie loyal zu ihrer Fraktionsspitze standen bzw. stehen mussten.

Als ich wenig später das Rathaus verließ – nun als unabhängiger Stadtverordneter ohne Fraktionszugehörigkeit – spürte ich zwar auch ein wenig Trauer, doch ein Gefühl nahm immer mehr Besitz von mir: endlich frei zu sein, nicht mehr das Objekt von Disziplinierungsmaßnahmen zu sein, mit denen missliebige Meinungen weggebügelt werden sollen. Frei von Fraktionszwang und Sachzwang. Endlich frei und unabhängig von Rücksichtnahmen auf die Folgen für die Partei, denn oft genug waren eben diese Rücksichtnahmen wichtiger als die Folgen der Agendapolitik für die Betroffenen gewesen.

Ich behielt meine Sitze in den Ausschüssen für Soziales und für Frauenangelegenheiten, auch wenn man in der Folge dreimal vergeblich versucht hatte mich dort herauszudrängen.

Mitte 2009 wurde nach neunmonatigem Eilverfahren(!) gerichtlich entschieden, dass mein Ausschluss aus der Fraktion rechtmäßig war…

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