Unfreiwilliges Nachtlager

Notweiler liegt im pfälzisch-französischen Grenzgebiet, der Weg nach Wissembourg ist kein Katzensprung, aber wenn man früh genug aufbricht, an einem Tag durchaus hin und zurück zu bewältigen. Solches hatten Ulrike und ich vor. Ich will nicht von Pfälzer Wäldern schwärmen. Sie sind schön, es riecht dort gut und man läuft dort gerne. Doch du bist im Wald. Rechts sind Bäume. links sind Bäume und dazwischen Zwischenräume. Und schlimm ist es, wenn dabei die Schuhe schubbern. So ging es Ulrike.

Barfuss erreichte sie Wissembourg, und soweit ich mich erinnere, verbrachten wir den Hauptteil unseres Aufenthaltes in diesem Städtchen damit, neue Schuhe für ihre Füße und den Rückweg zu suchen. Abgesehen von der Wartezeit am Busbahnhof, denn wir hatten beschlossen aufgrund der schwindenden Zeit den nächsten Bus in Richtung Notweiler zu nehmen. Direkt ins Ort konnten wir uns nicht fahren lassen, nicht mal bei Bedarf, denn wir waren schließlich auf der französischen Seite.

Spät, es dunkelte schon und so oft fährt der ÖPNV in Frankreich auch nicht, kamen wir in einem französischem Nachbarort Notweilers an. Wir wussten die ungefähre Richtung und machten uns auf in den Wald, voller Hoffnung unsere Pension noch irgendwann zu erreichen, und was anderes hätten wir denn tun sollen? Nun kam es, wie es kommen musste. Nicht, dass wir uns verliefen im düsteren Wald (dazu nachher ein paar abschließende Worte), aber auch wir kamen nicht an der alten Menschheitsweisheit vorbei, dass man, je dunkler es wird, umso weniger sieht. Wanderzeichen? In Frankreich ohnehin eher willkürlich, aber in Frankreich bei Nacht nicht mal zu erahnen. Weg und Steg? Ja schon, aber wo? Unfreiwillig richteten wir uns darauf ein die Nacht im Wald zu verbringen.

Da stießen wir auch auf einen Hochstand, der dann wenigstens das Ende der ziellosen, nächtlichen Wanderung markierte. Ich wollte oben schlafen, aus Schiß vor nächtlichen Wildschweinüberfällen und was immer die Fantasie sich ausmalt, wenn sie nicht gefragt ist. Ulrike lehnte ab, weil sie fürchtete im Schlaf abzustürzen. Also schliefen wir unter dem Hochstand. Wir kehrten Blätter zusammen, schließlich war es letztes Drittel Oktober, und versuchten es uns so warm wie möglich zu machen. Und natürlich hörte ich Geräusche, die mich klamm und bange machten, bis ich endlich eingeschlafen war. Es wird niemand wundern, dass wir beizeiten wach waren am nächsten Morgen. Ulrikes Orientierungssinn hatte uns keine zwei Kilometer von der Pension in Notweiler unser Nachtlager finden lassen. Erstaunlich schnell fanden wir unseren Weg. Zum Frühstück waren wir rechtzeitig zurück. Wir zupften die letzten verwelkten Blätter unserer Schlafstatt aus den Pullovern und taten so, als ob nichts gewesen wäre.

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