Santa Claus is back in town

In der Wiesbadener Bleichstraße gab es ein Speiselokal, dessen Inhaber in unregelmäßigen, aber wiederkehrenden Abständen wechselten, weil keiner von ihnen letztlich richtig Fuß fassen konnte. Die Räume hatten schon italienische, türkische und gut bürgerliche Wirtschaft erlebt. Zur besagten Zeit warb ein Schild im Schaufenster verdächtig vielfältig für chinesisch-japanisch-koreanische Küche. Dennoch speiste man dort gut, und wir waren gelegentliche Gäste.

Dieses Mal, als die Lust sich bekochen zu lassen uns wieder in dieses Restaurant führte, war es der 6. Dezember, recht spät am Abend. Wir nahmen Platz an einem der rustikalen Eichentische. An den mediterran weiß gekalkten Wänden hing zwischen chinesischen Blumenmotiven auf Reisstrohmatten auch ein Laotse mit seinem Ochsen.

Die einzigen Gäste waren wir nicht. Der Tresen war ordentlich besetzt und auch am Nebentisch war was los. Der Wirt begrüßte uns mit asiatischem Überschwang. Wir studierten die Karte und bestellten. In offensichtlicher Fehleinschätzung der kulturellen Eigenheiten des deutschen Nikolaustages hatte sich der Wirt eine Veranstaltung zum Feiertag ausgedacht, die das vermehrte Publikumsinteresse wecken und damit den Umsatz seines Restaurants steigern sollte.

Rechts neben der Theke hatte eine Einmannkapelle ihre Burg aus Keyboard, Mischpult und sonstigem Equipment aufgebaut und sorgte für Unterhaltung, und statt der gewohnten fernöstlichen vom Band stifteten diesmal deutsche, live vorgetragene Schlager den musikalischen Rahmen. Der Künstler nannte sich Fips the Blondi-Man. Und irgendwie sah er auch so aus.

Erwartungsfroh hatte der Wirt ein paar Tische zur Seite geräumt, um eine Tanzfläche zu schaffen. Tänzer und Tänzerinnen jedoch waren bislang ausgeblieben oder schon wieder gegangen. Die Trinker am Tresen ignorierten die Musik, und wir waren ? ebenso wie die Leute am Nachbartisch ? nicht vorbereitet auf einen deutschen Schlagerabend im Chinalokal. Tanzen wollten wir nicht. Ich könnte nun den Gängen unseres Menus folgend versuchen zu schildern, was sonst noch geschah. Mit Suppe, Frühlingsröllchen, Hauptgericht, Dessert und reichlich Bier dazu.

Wie Fips the Blondi-Man unerschütterlich sein Programm runternudelte, obwohl sich niemand dafür interessierte außer dem Wirt, der seinen Frust über den misslungenen Tanzabend erst im Alkohol zu ertränken versucht hatte und der dann mit einer unglücklichen Karaokenummer aufwartete, einem Kneipenvergnügen, das damals bei uns noch gänzlich unbekannt war. Wie ein neuer Gast am Tresen Platz nahm, nämlich ein Nikolausdarsteller, der nach den erledigten Hausbesuchen noch auf ein Bier eingekehrt war und Bart und Sack zwar abgelegt hatte, aber nicht seinen roten Mantel. Und wie schließlich die Frau des Wirtes aus der Küche gekommen war und, nachdem sie mehrmals mäßigend, aber erfolglos auf ihn eingeredet hatte, Lokal und Gatten der Jahreszeit entsprechend gekleidet verließ. Ich könnte es versuchen. Aber ich kann mich nicht erinnern, was wir gegessen hatten. Es wird wohl was mit Huhn gewesen sein.

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