Kies, Keller, Hundekacke

Kaum gefragt nach einer interessanten Begebenheit in seinem Leben, stürzt er sich auch schon in Kindheitserinnerungen und kramt nach den ältesten Bruchstücken von ganz, ganz früher. Wie er etwa damals als Fünfjähriger gemeinsam mit dem Bruder anlässlich des Umzuges in die größere Wohnung die Holzvertäfelung von der Wand der alten schraubte (wovon noch ein paar unvorteilhafte Fotos erhalten sind); oder Heinos erster Schultag, wie er sich anhand anderer Fotos (eigentlich der Erinnerung an diese Fotos, die ich nämlich schon ewig nicht mehr betrachtet habe, weil sie selbstverständlich in Mutters Album kleben) rekonstruieren lässt, samt Schultüte und schickem Anzug (von Omma genäht) und Nachbarsmädchen, dessen Namen ich vergessen habe, das aber aufgeweckt bis aufdringlich an diesem großen Tag wohl mehr durch Zufall teilnahm und die ganze Fotosession mitbestritt.

Was ist mit den Spuren von Neid, die ich bei dem kleinen Bruder glaube aufzuspüren? Neid auf den großen Bruder, der die Hauptrolle dieses Tages spielte. Interpretiere ich das in dem nicht unerheblichen Abstand von bald vierzig Jahren nicht einfach in die Szene hinein? War es so gewesen? Wie gut kann man sich erinnern? Kann man sich überhaupt ?gut? erinnern, im Sinne von der Wahrheit nahe kommen? Ist Erinnerung nicht auch einem steten Wandel unterworfen mit immer neuen Zutaten aus Neuinterpretationen, Verbrämungen, plötzlich auftauchenden Details, die lange vergessen waren und von denen man nicht genau weiß, ob sie tatsächlich passiert sind oder nur gut ausgedacht usw. usw.?

Wie war das z.B. mit dem Geruch unter den Bäumen der Kupferbergterrasse, wenn Heino und ich an Mamis Hand mit zum Einkaufen genommen wurden (Wir wohnten damals über den Gewölben der Sektkellerei am Rande der Mainzer Innenstadt.)? Wenn ich mich proustmäßig versenke in die verlorene Zeit, riecht es nach feuchtem Kies, Keller und Hundekacke und das ist vielleicht der charakteristische Geruch meiner ersten Jahre, aber nur deshalb, weil mir im Moment kein anderer Geruch aus dieser Zeit präsent ist. Und wer will das schon von sich sagen: Die ersten fünf Jahre meines Lebens waren olphaktorisch geprägt von Kies, Keller und Kacke? Da spannt doch jeder Analytiker sofort seine Büchse.

Erinnerungen, speziell Kindheitserinnerungen haben etwas Schlüpfriges. Du kannst dir nicht sicher sein, ob du dich auch wirklich an das ?Richtige? erinnerst (das, was tatsächlich dein Leben prägte) und ob du dich auch ?richtig? erinnerst, ganz abgesehen vom Hang dieser Erinnerungen ins Mythologische abzugleiten. Vermutlich kennt jeder die Debatten im Familien- oder Freundeskreis, wenn es darum geht den Sachverhalt eines gemeinsamen Erlebnisses korrekt wiederzugeben, was um so schwieriger, amüsanter, erbitterter wird, je weiter das Ereignis zurückliegt, und besonders dann, wenn ihm ? offenkundig oder insgeheim- eine Bedeutung für spätere Entwicklungen untergeschoben wird, die tatsächlich nur den beteiligten Personen begrifflich ist.

Gefragt nach einer interessanten Begebenheit in seinem Leben, greift er lieber nach etwas Leichtem und Unverfänglichem, und am unverfänglichsten sind da die Anekdoten, die man immer mal wieder gerne am Kneipentisch oder an der Geburtstagstafel erzählt und die man hinreichend auf Pointe und Witzischkeit frisiert hat. Und die zwar ein gewisses Schlaglicht auf die Person des Erzählers werfen, aber nicht dringend als markante Wegmarke, entscheidender Wendepunkt oder ähnliches in seinem Leben anzusehen sind. Was nun folgt ist keine Kindheitserinnerung und auch kein Schwank aus meiner Jugend, sondern der kurze Bericht über eine Urlaubswoche in der Pfalz, die ich gemeinsam mit Ulrike verbrachte.

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