Im Blizzard mit Hoss Cartwright

Einmal, der Erzähler hatte gerade seinen neunzehnten Geburtstag passiert, machten Liebesangelegenheiten einen Besuch im Hunsrück unumgänglich. Um seiner Unternehmung den gebotenen romantischen Nachdruck zu geben und die Ernsthaftigkeit seiner Absichten zu unterstreichen, hatte er beschlossen die Strecke von rund hundert Kilometern zu Fuß zu bewältigen. Dabei schreckten ihn nicht das winterliche Wetter und auch nicht die Aussicht eine, vielleicht zwei Nächte im Freien verbringen zu müssen.

Voll banger Vorfreude packte er das Nötigste zusammen: ein kleines Zweimannzelt (so etwas wog damals noch fast zwanzig Kilo), Bundeswehrschlafsack, Unterlegmatte (?), Unterhose zum Wechseln (??). Aus unerfindlichen Gründen musste er dabei an ein Buch denken, das er – Jahre war´s her – gelesen hatte. Eine frühe Art der Zweitverwertung erfolgreicher Fernsehserien, in diesem Fall: Bonanza als Jugendroman.

Und besonders erinnerlich war ihm das Kapitel, in dem Hoss Cartwright, der Dicke mit dem komischen Hut, in einen Schneesturm geriet und danach über Tage schneeblind durch die Wildnis irrte, weil er seine Augen nicht gegen das gleißende Weiß hatte schützen können.

Mit besorgtem Blick durch das Fenster registrierte er die Wetterlage: strahlende Sonne, geschlossene Schneedecke. Vorsichtshalber suchte er nach seiner, nach irgendeiner Sonnenbrille, aber wie es oft ist, wenn du was dringend brauchst und zwar sofort: du findest es nicht. Im Keller stieß er dann beim Stöbern auf alte Schulbücher und damit auf den rettenden Einfall. Aus einem Schutzumschlag (grüntransparente Folie) schnitt er sich ein Visier zurecht, das er bei seiner Wanderung unter die Pudelmütze klemmen wollte.

Da er sich nun aber schon mit Vorsorgemaßnahmen beschäftigte, machte er sich weitere Gedanken. Nicht dass er Visionen hatte von abgefrorenen Zehen, Amputationen und einem künftigen Leben im Rollstuhl oder zumindest an Krücken, trotzdem schien es ihm geraten zwecks der reflektierenden Körperwärme seine Füße mit ausreichend Alufolie aus der Küche zu umwickeln, bevor er in seine Wanderstiefel schlupfte. So ausgerüstet machte er sich auf den Weg.

Mittag war schon lange vorüber. Weit würde er an diesem Tag nicht mehr kommen, aber er war unterwegs. Er schritt also durch das rheinhessische Winterhügelland mit seinen schneebedeckten Zuckerrübenfeldern und Wingerten und achtete kaum der wenigen Begegnungen mit spazierenden Familien, Hundeausführern usw. und ignorierte die irritierten Blicke, die wohl seinem gewaltigen Rucksack und seinem provisorischen Blendschutz galten.

Doch wenn du schwer zu tragen hast und dir dabei noch eine Kunststofffolie (grüntransparent) im Gesicht klebt, hast du irgendwann eine Pause nötig. Erschöpft und mit schwitzender Stirn zog er sich das Visier aus der Mütze. Und dachte: ?Jetzt hat´s mich doch erwischt.? Rot! Alles war rot! Es brauchte eine Weile, bis ihm die in der Schule gelernte, optischen Grundkenntnisse aus der Bredullie halfen. Logo: Grün ? rot, Komplementärfarben, ist doch klar. Der erstaunliche Effekt dauerte nur wenige Sekunden, dann hatten sich seine Augen wieder justiert. Für den Rest seines Tagesmarsches verzichtete er auf den Sonnenbrillenersatz, da es ohnehin zu dämmern begann.

Weit war er nicht gekommen an diesem Tag, doch er war unterwegs. Neben einem zugefrorenen Wassergraben stellte er mühsam sein Zelt im Dunkeln auf. Nicht weit entfernt bellte ein Hund. Er behielt Kleider und Schuhe an und kroch so wie er war in den Schlafsack. Es war saukalt. Die Nacht verging mit Zittern, Frieren und Hundegebell. Am nächsten Morgen hatte er Schwierigkeiten sein Zelt so weit zusammen zu falten, dass es in den Rucksack passte. Klamme Finger und das Gefühl, als hätte er Holzscheite in den Stiefeln.

Für alle, deren Schwerpunkt im Heimatkundeunterricht nicht Mainz und Umgebung war, sei mitgeteilt, dass Nieder-Olm etwa zehn Kilometer von Mainz-Hechtsheim, wo er aufgebrochen war, entfernt ist. Dort bekam er in einem Schuhgeschäft Thermo-Schuheinlagen, die er über seine frosttauben Füße stülpte. Er schüttete die Aluminiumbrösel aus den Stiefeln (nichts anderes war übrig geblieben von seinem genialen Fußwärmeschutz) und zwängte sich mit Ächzen und Krächzen in das wegen der wattierten Socken nun viel zu enge Schuhwerk wieder hinein.

Der Bahnbus brachte ihn zurück nach Mainz. Zuhause zurück musste er als erstes seine Fersen verarzten, die bluteten wie bei Aschenputtels Stiefschwester. Die Sache mit Frau B. fand wenig später bei anderer Gelegenheit ihr unerfreuliches Ende, aber die Einlagen nutzte er noch jahrelang als Hausschuhe.

Weil´s thematisch gerade passt: Wir hatten uns bei Dirk und Eva versammelt, um Evas Geburtstag zu begießen. In der lockeren Tischrunde war auch ein Freund Evas: Netter Kerl. Gelernter Erzieher, rothaarig. Ein charmanter Plauderer und fulminanter Tänzer von unaufdringlicher Männlichkeit. Alles Eigenschaften, die ihn zu einem gern gesehenen Gast machten. Wir spielten das beliebte Gesellschaftsspiel: Alle TV-Serien aus der Kindheit aufzählen und keine vergessen. Und da irgendwo mittendrin sucht die Geliebte nach einem Namen, den sie schon auf der Zunge hat: ?Wie heißen die denn bei Bonanza? Cartwright und weiter? Little Joe ? Adam ? Ben ? und ? und ? Horst.? ?Der heißt nicht Horst.? platzte es da wie aus der Pistole geschossen aus Evas rothaarigem Freund. Wie sein Name war, muss ich wohl nicht erklären.

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