Willkommen Amerika

15. Oktober 1992

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Unsere Zahnreihen quälen sich durch das erste amerikanische Sandwich. Unsere Augen versuchen, die Nebelschwaden zu durchdringen. Irgendwo auf der rechten Seite des Zuges müssen sie sein – die Niagarafälle.

bild_tUnser streng durchkalkulierter Reiseplan läßt es leider nicht zu, das Naturschauspiel aus der Nähe zu bewundern. Wolkenbruchartige Regenfälle bieten uns jedoch nicht viel später ein Ersatzschauspiel auf dem Weg nach New York.

In der Stadt des Big Apple irren wir durch die Straßenschluchten Manhattan‘s, um einen geeigneten Doktor für unseren offensichtlich schwer erkrankten Laptop zu finden. Jene Leihgabe des Wettbewerbbüros hat uns schon seit Beginn der Reise Kopfzerbrechen bereitet. Inzwischen streikt er völlig. Unsere Reiseberichte sind wie durch Geisterhand in Hieroglyphen verwandelt.

Straßen von San Francisco

23. Oktober 1992 – Die Trennung

bild_mbild19Wir sitzen bereits in San Francisco am Pier 39 mit Blick auf die Seehundkolonie, sie seit wenigen Jahren mehrere Stege der Pieranlage besetzt hält. Steffi‘s Blick wandert von den über uns kreisenden Möwen zu dem Flugticket, das sie in der Hand hält. Wie vorgesehen, wird sie hier aus beruflichen Gründen von Ulrike abgelöst, die mich die weitere Reise begleiten wird. Steffi betrachtet es als Verrat, morgen einen dieser blitzschnellen Jets zu betreten. Zu frisch sind die Erinnerungen an die nicht enden wollenden Schiffs- und Zugstunden.

bild_qNoch immer lachen wir z.B. über die Nacht, die wir angstzitternd mit 150 französischen Soldaten im Großraumabteil verbrachten. Erst nachdem auch der letzte, erschöpft vom zurückliegenden Manöver, eingeschlafen war, ließ unser Zittern nach. Die fest um unsere Hände geschnürten Tragegriffe von Laptop und Kameratasche hatten bis dahin jedoch schon tiefe Furchen hinterlassen. Das Gebrüll der Seehunde reißt uns aus unseren Erinnerungen. Wir ziehen los zum Flughafen, um Ulrike abzuholen. Wenig später stehen wir, nun zu dritt, als Straßenbahnsurfer“ auf der äußersten Trittstufe des Cablecar und jagen durch die Straßen von San Francisco. Den einzigen gemeinsamen Abend verbringen wir in Chinatown, wo wir prompt Zeugen einer gewalttätigen Auseinandersetzung werden. Es ist Zeit, Amerika zu verlassen.

La mer

24. Oktober 1992 – Irgendwo in Richtung Westen

Wir schauen der startenden Maschine nach. Im Innern ärgert sich Steffi über den ungemütlichen Sitzplatz, eingeklemmt zwischen großmäuligen Männern. Was Ulrike und mich betrifft, so sind wir beunruhigt. Unser Frachtschiff hat Verspätung. Noch ist unklar, wann es uns in San Francisco auflesen wird. Vor uns liegt der unendlich scheinende Pazifik. Irgendwo in Richtung Westen liegt unsere nächste Station – Tokio.

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