Quer durch Europa

bild0Der Anruf

„Emily, hast du Interesse an einer Weltreise?“
Derlei Scherze sind mir nicht neu. Mein immerwährendes Reisefieber war schon des öfteren Zielscheibe für Spaß und Spott.

 

Hummer statt Mord

7. September 1992
Beginn einer Weltreise der etwas anderen Art

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Der Job ist gekündigt, die Wohnung vermietet, der Pass um einige Visa reicher und der von Spritzen gepeinigte Körper von nun an gegen diverse Krankheitserreger immun. Auf dem kleinen Tisch des Zugabteils liegt unser Reiseplan. Im Takt des Zugratterns versuche ich, mir die den Globus umspannenden Reiseetappen einzuprägen. Mir gegenüber liegt Steffi – meine Reisepartnerin. Sie erholt sich von den Strapazen des gestrigen Abschiedsfestes in Berlin. In den Händen hält sie noch immer den Charles-Heidsieck-Footsteps-Pass und mustert den ersten der insgesamt zwanzig Aktionsstempel. Jenem Reiselustigen Charles Heidsieck, Gründer gleichnamiger Champagnerfirma, verdanken wir diesen außergewöhnlichen Wettbewerb. Mitte letzten Jahrhunderts war er losgezogen, seinen Champagner in aller Welt bekannt zu machen. Dabei geriet er nicht nur in die Wirrungen des amerikanischen Sezessionskrieges und wurde dort unter Verdacht auf Spionage für mehrere Monate inhaftiert; auch in Rußland war ihm das Schicksal weniger hold, wurde er dort doch Opfer mehrerer Kosakenüberfälle.

bild17Auf seinen abenteuerlichen Spuren sollen wir nun den Erdball umrunden. Mit uns angetreten sind fünf weitere Zwei-Personen-Teams aus England, Frankreich, Amerika und Singapur. Jedes Team startet in seinem Heimatland und hat zur Auflage, die vorgegebenen 20 Städte innerhalb von hundert Tagen zu bereisen. Wichtigste Bedingung und gleichzeitig enorme Herausforderung dieses Wettrennens ist die Begrenzung der erlaubten Transportmittel. Benutzt werden dürfen ausschließlich jene Transportmittel, die auch schon im 19. Jahrhundert zur Verfügung standen.

bild_rVor uns liegen also ca. 25.000 Kilometer per Zug und ca. 20.000 Kilometer per Schiff. Die ersten drei Wochen führen uns im Eiltempo durch Europa. Bewaffnet mit insgesamt drei Koffern, einem Laptop, einer umfangreichen Kameraausrüstung und zwei kleinen Rucksäcken stürzen wir Tag für Tag zu einem anderen europäischen Bahnhof und ärgern uns dort über fehlende Rolltreppen und Gepäckwagen, süffisante Blicke und mangelnde Hilfsbereitschaft. Nach wenigen Tagen schon steht uns der Streß ins Gesicht geschrieben. In nächtlichen Träumen verfolgt mich „Männeken Pis“ auf Holzschuhen, Edith Piaf singt Wiener-Walzer-Melodien auf der Bühne der Mailänder Scala.

bild_cDie Tage sind geprägt von Kontrasten. Eben noch sitzen wir auf den immer unbequemer werdenden Sitzbänken eines Zuges und teilen den mitgebrachten Reiseproviant mit den mitreisenden „Interrailern“, wenig später stehen wir in der pompösen Lobby des gebuchten 5-Sterne-Hotels.

bild18Schon beim Eintreten werden wir von fragenden Blicken gemustert. Die zurückliegende Nachtfahrt hat ihre Spuren hinterlassen.

Übermüdet, stinkend vor Dreck stehen wir in unseren Jogginganzügen vor der Rezeption. Der Blick der Empfangsdame läßt unschwer erkennen, daß sie verzweifelt versucht, uns in ein Gästeprofil einzuordnen. bild7Die Spekulationen über unsere Person reichen von extrovertierten Künstlern, über Drogendealer bis hin zu Töchtern reicher Schweizer Eltern, die ihren Schützlingen zum, erfolgreich absolvierten Internat die versprochene Luxusreise finanzieren. Gegen Ende der Europatour werde wir „Charlie“ untreu.

Für kurze Zeit wandeln wir auf den Spuren Miss Marples‘. „Hummer statt Mord“ tippt Steffi in den Laptop. Luxus pur in nostalgischen Ambiente begleitet uns von Venedig nach London. Wir sitzen zutiefst zufrieden in den üppigen Samtkissen des Orient-Expresses.

Zielort Dublin

23. September 1992 – Tag X

bild13Es war abzusehen. Nachdem uns bislang das Reiseglück hold war, soll uns jetzt das Chaos ereilen. Sintflutartige Regenfälle der letzten Nacht haben das englische Zugstreckennetz weitgehend lahmgelegt – ausgerechnet am Tag unserer Weiterreise nach Dublin. Auch unser Zug ist gestrichen. Um unsere Fähre zu erreichen, bleiben noch vier Stunden, geschätzte Distanz 450 Kilometer. Das Wettrennen mit der Zeit beginnt. Wir beugen uns der höheren Gewalt und mieten ein Auto. Steffi entpuppt sich als Meisterin im Linksverkehr. Während unzähliger Überholmanöver entgeht so mancher fremde Seitenspiegel nur knapp dem „Kollisionstod“.

15:45 Uhr: Abfahrtszeit unsrer Fähre. Wir befinden uns noch 60 Kilometer vor Holyhead. „Here it goes“. Vorbei der Traum, den heutigen Abend in einem irischen Pub, erstmals irisches Bier schlürfend, verbringen zu dürfen.

21:30 Uhr: Das Bier schmeckt scheußlich. Wir sitzen in einem irischen Pub…. Kaum hatten wir den letzten Waliser Hügel überwunden, entdeckten wir am Pier völlig unerwartet die Fähre einer anderen Gesellschaft, Zielort Dublin. Es muß Steffis Schutzengel gewesen sein, der Mitleid hatte, denn ….. ihr schmeckt das Bier.

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