In vollen Zügen

bild1012. Dezember 1992 – Mythos Transib

Es ist der Auftakt zur letzten großen Etappe unserer Weltreise. Peking – Moskau steht auf unserem Zugticket, was soviel bedeutet wie 9.000 Kilometer oder sechs Tage Zugfahrt. Ich glaube kaum, daß auch nur ein Mitreisender umfassendere Vorbereitungen getroffen hat. Nach all den Schauermärchen, die uns von früheren Transib-Reisenden berichtet wurden, sind wir jetzt gewappnet gegen Diebstahl und Hunger. Darüber hinaus werden wir uns mit zweilagigem Toilettenpapier verwöhnen, statt auf die einseitige Zeitungsseite der Prawda (dtsch.: Wahrheit) zurückzugreifen.

bild_fUnsere Hartschalenkoffer sind in häßliche Schonbezüge verpackt und somit erheblich in ihrer Attraktivität geschmälert. Ein stabiler Gurt soll das Öffnen der Koffer erschweren. Mit Fahrradschlössern werden wir sämtliches Gepäck am Kabineninventar befestigen. Nachts wird ein geschickt geknotetes Seil ungewolltes Öffnen der Kabinentür verhindern. Sollen sie doch kommen, die organisierten Raubritter.

bild_eMit uns drängen schwerbepackte Händler durch die schmalen Gänge des Zuges. Das Verstauen ihrer mannshohen Seesäcke scheint unmöglich. Ulrike und ich stellen mit Entsetzen fest, daß unsere Pritschen in getrennten Kabinen liegen. Wir können uns beide nicht vorstellen, sechs Tage und Nächte allein mit drei Fremden in einer Kabine zu hausen. Der Zug rollt schon länger und es ist einige Dollars später, als Ulrike und ich endlich das O.K. der Provodnik (Waggonleiterin) bekommen, und gemeinsam in einer anderen Kabine Unterschlupf finden.

bild_dDer Bordkoch läuft mehrmals täglich durch den Zug, um amerikanisches Bier anzubieten. Seit er weiß, daß ich Deutsche bin, begrüßt er mich mit dem einzigen deutschen Satz, den er beherrscht: „Achtung, Achtung, hier kommt ein russischer Panzer!“

Seitdem wir russisches Territorium befahren ereignet sich an jedem Bahnhof schier Unglaubliches. Trauben von Menschen warten mitunter Stunden auf den verspäteten Zug, um den fahrenden Händlern ihre in Peking erstandenen Waren aus der Hand zu reißen. Die Notbremse wird des öfteren betätigt, weil der ein oder andere Händler nicht rechtzeitig zurückkehrt. Seit Irkutsk bieten grellgeschminkte Russinnen eindeutige Dienste an. Männer stehen Schlange vor den vedunkelten Kabinen.

Die Heimkehr

24. Dezember 1992 – Langfinger im Schiffsrumpf

bild_hDer letzte Streckenabschnitt scheint wie ein Kinderspiel: Moskau – Kopenhagen – Berlin. Die völlig überteuerten Tickets für die Heimreise erstehen wir auf dem Schwarzmarkt – reguläre Fahrkarten sind keine mehr zu haben.

Ein Zwischenfall ereignet sich an der dänisch-deutschen Grenze. Während der Fährüberfahrt Richtung Deutschland verlassen Ulrike und ich kurz den im Schiffsrumpf geparkten Zug. Fazit: Ulrikes Rucksack samt Geld und Reisepass wird gestohlen. Deutsche Grenzbeamte wollen ihr nach erfolgreicher Umrundung des Erdballs die Einreise ins Heimatland verwehren. Schallend lachend verziehe ich mich in die Zugtoilette. Nach intensiver Überprüfung der Personalien lassen sie Ulrike ziehen. 40 Kilometer vor Berlin bleibt der Zug wegen Maschinenschadens stehen. Dieses Mal lache ich über die im Ausland so hochgeschätzte deutsche Verläßlichkeit.

Nach dreieinhalb Monaten, 45.000 Kilometern, 456 Stunden im Zug und 906 Stunden auf See kehre ich am 24. Dezember zurück. Auf die typische Frage: „Wie war es?“, reagiere ich mit Stottern. Zu viele Eindrücke schwirren mir durch den Kopf. Im Garten meiner Mutter finde ich zwei Fußspuren im Sand, darunter schreibe ich:
Auf den Spuren von Charles Heidsieck…

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