Im Land des Lächelns

28. November 1992 – Kein Ausweg?

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Wir genießen die Sonne des Südens, obwohl uns das feuchtheiße Klima sehr zusetzt. Trotz der vielen verschiedenen Kulturen, die hier aufeinandertreffen, wirkt Singapur seltsam steril. Funktionale Plattenbauten haben das asiatische Flair in dieser hochtechnisierten Inselrepublik verdrängt.

Strenge Entsorgungsverordnungen haben Singapur zur saubersten Stadt Asiens gemacht. Das achtlose Wegwerfen eines Papiertaschentuchs z.B. kann 50 Dollar kosten. Die Einfuhr von Kaugummi wurde vor einigen Jahren untersagt.

bild6Zu oft haben Rowdies damit die Lichtschranken der U-Bahn blockiert. Wir freuen uns, daß Englisch eine der Amtssprachen ist, denn für uns gilt es, hier eine Schiffspassage zurück nach Hongkong auszumachen. Da es sich um eine der verkehrsreichsten Hafenstädte der Welt handelt, sind wir sehr optimistisch. Doch weit gefehlt, denn gerade hier müssen wir uns ewig um eine Verbindung bemühen, denn Passagierschiffe legen nicht allzu häufig in Singapur an und die hier verkehrenden Frachtschiffe nehmen in der Regel keine Privatpersonen auf. Nachdem auch die Verhandlungen mit der amerikanischen Navy scheitern, bereitet die örtliche Vertretung von Charles Heidsieck zur Aufmunterung einen „Drahtseil-Akt der besonderen Art“ vor.

scheingefechtIn einer nachempfundenen altchinesischen Stadt werden einem Fremden und mir jeweils ein Gürtel angelegt. Daran befestigt sind Drahtseile, an denen wir wenig später 10 Meter über den Boden gezogen werden. Entlang einer Schiene bewegen wir uns ca. 30 Meter vor und zurück. In den Händen halten wir beide ein Schwert. Der Fremde gibt sich geschickter in diesem traditionellen Scheinkampf, ich dagegen schreie umso lauter.

Nach insgesamt sieben Tagen Zwangspause sitzen wir endlich glücklich auf einem Frachter einer deutschen Reederei. Der Pressesprecher der deutschen Botschaft, der zufällig von uns erfährt und sich für unsere Mission begeistert, hat seine zahlreichen Kontakte genutzt. Danke.

Tristesse im Land des Lächelns

2. Dezember 1992 – Moderne Seeräuber

bild15Die Crew ist unruhig. Wir durchfahren das südchinesische Meer. Für Ulrike und mich ist es die zweite Durchfahrt, doch erst jetzt erfahren wir von den dort lauernden Seeräubern. Mit ihren kleinen und wendigen Booten stürmen sie des öfteren die trägen Frachtschiffe. Meistens sind sie nur an der Bordkasse, den Wertsachen und dem Geld der Besatzung interessiert. Das Öffnen der Frachtcontainer erfolgt nur nach zielsicheren Tipps konspirativer Zöllner.

bild5Die Motoren laufen auf Hochtouren. Bei 22 Knoten, erklärt der Kapitän, ist das Entern schwieriger.

Mir erscheint diese Angst übertrieben. Von einem Ingenieur erfahre ich jedoch, daß vor nicht allzu langer Zeit ein Schiff der selben Gesellschaft geplündert wurde. Ich fühle mich versetzt in eine irreale Filmwelt. Unser Film findet jedoch mit der unversehrten Einfahrt in den Hafen Hongkongs sein Happy End. Die letzte Schiffsetappe unserer Weltreise ist überstanden. Ich bin selig.

Hongkong – diese Stadt gleicht einem Bienenschlag. Hektisches Treiben charakterisiert die Atmosphäre der englischen Kolonial-Metropole. Ein Wolkenkratzermeer gigantischen Ausmaßes machen die Skyline dieser Stadt so faszinierend. Fremde Gerüche schwängern die feuchtheiße Luft.

bild_iAuf dem Nachtmarkt erstehe ich ein Seidentuch und bewundere die originalgetreuen Nachbauten teuerster Markenuhren. Von dem staatlichen Reisebüro Chinas erhalten wir Zugtickets für die längste Eisenbahnverbindung der Erde: Hongkong-Peking-Moskau.

Ärmliche Häuser säumen den Weg entlang der Gleise. Wir sind in China. Draußen sehe ich Menschen mit großen Strohhüten ihre Wäsche in Flüssen waschen. Ochsen dienen der Bestellung der Felder. Befestigte Straßen scheinen selten zu sein auf dem Land. Gewagte Bambuskonstruktionen dienen als Baugerüste.

bild11Die Hauptstadt des Landes überrascht durch ihre zwei Gesichter. Der verblichene Glanz der „Verbotenen Stadt“ steht im starken Kontrast zum sonst so kargen Stadtbild. Sechs Millionen Fahrradfahrer bestimmen den Straßenverkehr. Privatautos sieht man selten. Polizei patrouilliert über den Platz des himmlischen Friedens – noch vor drei Jahren Schauplatz blutiger Studentenrevolten. Die winterliche Atmosphäre und die von vielen getragenen Armeemäntel machen es mir schwer, mich diesem tristen Eindruck zu erwehren.

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