Die Tür schlug zu

Ich saß in der Falle. Wie war das geschehen, wie habe ich, ein immerhin erfahrener Konspirateur, zulassen können, überlistet zu werden? Aber es war nun einmal geschehen. Ich saß im Keller des Hauses der Grenzkommandantur in Berlin, in Weißensee. Ein gewöhnlicher Keller, grelles Licht, ein mit kalten Tropfen bedecktes Kanalisationsrohr, eine eisenbeschlagene Tür, ein Guckloch ohne Glas, so dass alles zu hören ist, was im Korridor vor sich geht.

Hier befindet sich noch ein menschliches Wesen, ein blasser, hagerer Mann in schmutziger Wäsche, völlig verstört, mit unruhig fliegendem Blick, mager und offensichtlich hungrig. Er drückt mir mit betrübter Miene feierlich die Hand und stellt sich vor: “Intendanturoffizier Säbel.“ Ein merkwürdiger Name. Mit einem Säbel hat er wirklich keine Ähnlichkeit. Und dann sah ich noch die auf die Wand gemalten braunroten Buchstaben RCH. Ich setzte mich auf die hölzerne Bettstelle, und da lief in meinem Gehirn der Film meines früheren Lebens ab.

Die Kindheit, die tiefgläubigen Eltern, hochachtbare Menschen. Das Leben in der Fremde, Schule, Jugend, die bittere Aussicht, sich den Weg aus dem Nichts bahnen zu müssen. Das Jahr 1933, Fanfaren und Fackeln des Hitlertriumphes… 1934, ein warmer und duftender August in Berlin, der Wendepunkt meines Lebens: Ich werde Mitglied des NTS. Arbeit, Studium, Wirken im Bund. Eine erste Liebe, von der nur zu sagen ist, dass sie mich mein ganzes Leben lang begleitet. Freunde, Kameraden, die kleine und arme, aber so vertraute Kirche in der Nachodstraße. Der Verkauf der Zeitung ?Für Russland? an der Kirchentür. Der Krieg, der Siegeszug Deutschlands durch Europa. Schließlich der Einmarsch der deutschen Truppen in die Sowjetunion, der 22. Juni 1941. Die Zerschlagung Deutschlands, der Zerfall der Wlassow-Armee, die Gefangenschaft in der Tschechei. Ich spüre, wie die kalten Fühler der Sowjetorgane nach mir zu tasten beginnen. Ein verzweifelter Salto mortale rettet mich. Wie ein von Scheinwerfern getroffenes Flugzeug warf ich mich plötzlich zur Seite und tauchte in der Dunkelheit unter. Die Fühler des Feindes zuckten hin und her. Dreimal drohte mir das Verderben, dreimal gelang es mir, den Feind zu überlisten.

Und nun das, was erst heute geschah, erst vor einer Stunde: Ich verlasse das Theater, zwei Sowjetoffiziere nähern sich mir. Rundherum ein Ring von Zivilisten. Greifende Finger an meinem rechten Arm, ein Schlag auf den Hinterkopf. Erst im dahinjagenden Auto komme ich zu mir. Durchsuchung in der Kommandantur: Man nimmt mir die Krawatte, den Gürtel, die Aktentasche und die Papiere ab. Ein fürchterlicher Schmerz im Kopf. Ich werde in den Keller geworfen (…)

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