Diabolische Versuchung

image0021-aIm Oktober 1949 wurde ich von der Lubjanka in das Butyrki-Gefängnis überführt. Plötzlich geht es wieder zurück in die Lubjanka, Zimmer 693a, bekannte Gesichter. “Ihr Verfahren ist nun abgeschlossen, bald werden Sie ins Lager fahren. Gleich wird sich ein Genosse mit Ihnen unterhalten. Ich hoffe, dass sie sich anständig benehmen werden“ Am Tisch sitzt eine Frau. “Grüß dich, Jura, erkennst du mich nicht?“ erklingt eine ruhige, etwas spöttische Stimme. Das ist so unwahrscheinlich, dass ich einen Augenblick lang zur Salzsäule erstarre. Dann ist mir, als zögen sich Decke, Zimmer und alles übrige in die Länge, wie Spiegelbilder auf einem Flaschenhals. In kaltem Schweiß gebadet, gehe ich zum Sessel. Eine gepflegte Hand gießt Wasser in ein Glas.

Zwei Zeitabschnitte fließen zu einem zusammen, das Berlin von 1944 und jetzt, Moskau 1950. Aber zwei Personen können nicht zu einer einzigen zusammenfließen, jener, vor sechs Jahren, und dieser, die jetzt vor mir sitzt. Jene hatte das Gesicht einer jungen, vierundzwanzigjährigen Frau über dem schneeweißen Kragen eines dunkelblauen Kleides. Das Gesicht war von harter Arbeit ermüdet, aber hübsch. Besonders gefielen mir die grauen Augen, aus denen eine tiefe, nicht eigentlich weibliche Nachdenklichkeit sprach. Wir schlossen Bekanntschaft bei meinem Besuch eines der Ostarbeiterlager. Dann gelang es mir, ihr eine andere Arbeit zu beschaffen. Sechs Wochen später hatte sich in ihrem Zimmerchen bereits ein ansehnlicher Packen Bundesliteratur angehäuft. Sie war gescheit und verstand alles, was ich ihr sagte. Vera erriet wohl meinen Plan, sie zu einem Mitglied des Bundes zu machen. Sie las und arbeitete alle Schriften durch, die ich ihr gab. Aber auf meinen Vorschlag, sie unmittelbar in die Arbeit des Bundes einzuführen, ging sie nicht ein. Schließlich grub ich sie in das tiefe und weite Archiv meines Gedächtnisses, in jenes Archiv, das alle die Menschen enthielt, die in Bezug auf den Bund mit einem großen oder auch kleinen Fragezeichen versehen waren.

“Ja, Jura, schon damals, in Berlin, wollte ich mich mit dir aussprechen. Eines Tages wollte ich dir alles sagen, was ich niemandem sagen durfte: Ich bin Oberleutnant der Staatssicherheit und mit einem Sonderauftrag betraut!? Hättest du mich den Deutschen angezeigt?“ Ich weiß genau, dass ich das niemals getan hätte, blicke sie dennoch fest an und sage: “Unverzüglich wäre ich hingegangen und hätte dich angezeigt, ohne mich zu schämen. Du bist ein Feind und damit basta!“ “So ist es recht! Wenn du gleich gesagt hättest, du hättest mich nicht angezeigt, so wäre alles zu Ende! Aber du lügst, wie ein Schüler, du hast mich geliebt und hättest mich nicht denunziert. Auch ohnedies hättest du mich nicht angezeigt. Du sagst das jetzt nur so, weil du dich ärgerst und dich nicht gemein benehmen willst. Ich kenne die Geschichte deiner Entführung aus dem Theater. Natürlich hast du einen Bock geschossen! Aber vielleicht auch nicht, alles hängt allein von dir ab!“ “Von mir hängt gar nichts ab!“ “Doch, sonst wärst du nicht hier. Dein Verfahren ist abgeschlossen, du bist schon gespalten, aus dir ist nichts mehr herauszupressen. Sieh mal, Jura, dein NTS kämpft für Russland, aber die Sowjetmacht tut doch alles, um Russland stark zu machen. Dein Platz ist bei uns. Abakumow weiß alles von dir, ich habe selbst mit ihm gesprochen, und er hat mich ermächtigt, dieses Gespräch mit dir zu führen. Alles wird dir verziehen, alles vergessen. Vergiss nicht, der Bund hat dich verraten und deinem Schicksal überlassen! Du bist ihm gegenüber zu nichts mehr verpflichtet.“

Mir ist, als säße dort am Tisch die frühere Vera. Innerlich zittere ich und fühle, wie ich schwankend werde. Dann taucht vor meinem geistigen Auge das alte, in Leder gebundene Evangelium meiner Mutter auf, die Worte des Bundeseides kommen mir in den Sinn, die umgekommenen Mitglieder des NTS ziehen an mir vorüber, die von der Kugel Getroffenen, in den Lagern zugrunde Gegangenen oder in der Emigration von der Tuberkulose Dahingerafften. In einem endlosen Zug schreiten sie an mir vorbei. Sie alle wollten leben, so wie ich, Alte und Junge, Männer und Frauen, und haben getreu dem Eid ihr Leben hingegeben. Ich weiß, sie wollen mir jetzt nur ein Wort sagen: “Verräter!“ Ich erhebe mich von meinem Stuhl, auch Vera steht auf. “Und ich, das aktive Mitglied des Bundes, Treguboff, sage Ihnen jetzt, was ich damals in Berlin zu sagen unterließ. Ich fordere Sie auf, Ihre Pflicht gegenüber dem gemarterten Volk zu erfüllen und am Kampf gegen das volksfeindliche Regime teilzunehmen!“ “Du, du mich?! Nein, Jura, hier, am Dserschinskij-Platz, ist es zu spät, mich anwerben zu wollen! Du fällst keinen Baum, der nicht für dich geschaffen ist. Du willst nicht? Nun, später wirst du es bedauern!“

Die Telefonscheibe dreht sich, das Gespräch ist beendet. Sie und ich, wir beide, sind sehr erschöpft und erzürnt. Ganz kraftlos bin ich, vor mir Leere. “Führen Sie dieses feindliche Subjekt weg!“ sagte sie irgendwem, vielleicht dem Diensthabenden. Damals, in Berlin hatte ihr voller Name Vera Stepanowna Polsunkowa gelautet.

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