Das Gebiet der Lager

Nachts sieht man, was sich auf beiden Seiten der Bahnstrecke tut. Erfahrene Leute haben festgestellt, dass wir schon an Kirow vorbei sind und uns auf der berühmten Magistrale nach Workuta befinden, die quer durch die Autonome Republik Komi läuft. In den Nächten sehe ich zwischen drückenden Trugbildern, wie wir an Lagern vorüberfahren, die längs der Hauptstrecke liegen.

Die Lager haben in der Regel die Form eines mehr oder weniger akkuraten Rechtecks. An den Ecken stehen die mit ihren Scheinwerfern leuchtenden Wachttürme, die wie die Dreibeiner vom Mars in einem utopischen Roman von Herbert G. Wells aussehen. Schon so manche Nacht fahren wir immer wieder an Lagern vorüber. Erst später erfuhr ich, dass die gesamte Hauptstrecke nach Workuta von Lagern umgeben ist, die, wie Sterne in den Sternbildern, in einem ungeheuren Lagersystem miteinander verbunden sind. Leute, die Bescheid wissen, behaupten, dass die Lagerbevölkerung der Republik Komi zahlenmäßig die freie Bevölkerung dieser Republik bei weitem übersteigt.

Endlich sind wir angelangt. Stacheldraht, Wachttürme, von Posten besetzt. Am Tor verblichene Losungen, daneben eine Wachstube. Überall Draht, Draht, Draht… ?Der ganze Transport in die Badestube! Nicht auseinanderlaufen!? Die Badestube ist eine düstere Baracke. Drinnen ist es kalt, immer wieder wird die Außentür geöffnet. Deutsche Kriegsgefangene bedienen die Badestube. Jeder wird der sogenannten Sanbearbeitung unterzogen. Man zieht sich aus. Alle Kleidungsstücke, bis auf die Ledersachen, werden an einen eisernen Ring gehängt und anschließend durchdämpft, das heißt, desinfiziert. Man setzt sich auf einen nassen, kalten Stuhl. Der Friseur rasiert einen überall, bei den Frauen werden die Köpfe jedoch nicht rasiert. In der Badestube erhält jeder zwei Kübel mit kochendem Wasser, das ist die Norm. Das kalte Wasser ist nicht rationiert. Irgendwo in der Ecke wird noch um Wasser gebettelt. Ich wasche mich sitzend, stehen kann ich nicht mehr. Dann ziehe ich die vom Dämpfen heißen Sachen an.

“Deine Fahrtgenossen sind in der Baracke.“ Sagt ein in Reithosen steckender Mann. Die Baracke ist langgestreckt, wie ein Sarg, zwei Öfen, zwei vergitterte Fenster. Es ist kalt, obwohl beide Öfen lebhaft brennen. Jemand röstet etwas. Ich nehme auf den Brettern am Eingang Platz. “Wie heißt du?“ fragt mich mein Nachbar, ein junger Bursche mit rundem Gesicht und kuriosem Haarschopf.

“Hast du schon einen Löffel?“ Verständnislos sehe ich ihn an. “Als erstes muss man sich im Lager einen Löffel beschaffen. Womit sonst willst du essen? Der Olle in der Ecke dort verkauft Löffel.“ “Ich besitze nicht eine einzige Kopeke!“ “Hm!“ Der junge Mann nimmt mich in Augenschein. “Na gut, hier hast du einen Rubel.“ Er zieht ein angefettetes Stück Papier aus der Tasche. Gleich darauf bin ich im Besitz eines Löffels. Er ist aus Eisen und verrostet, aber immerhin, ein Löffel!

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