Beweggründe

image0022-aDer Leser wird fragen, weshalb dieses Buch menschlicher Leiden geschrieben wurde? In unserer Zeit ist es sehr schwer, jemanden durch Schilderungen der Schrecken des Lebens in Erstaunen zu versetzen. Außerdem hat die furchtbare Wirklichkeit bereits seit langem die Ausdrucksfähigkeit unseres Sprachschatzes überholt, daher können Worte niemals den ganzen Sinn wiedergeben.

Warum also ist dieses Buch entstanden?
Als ich es niederschrieb, bemühte ich mich am wenigsten, an die subjektive Auslegung meiner eigenen Erlebnisse zu denken. Daraus folgt natürlich nicht, dass das subjektive Moment in meinem Buch fehlt, es ist da, und es könnte auch gar nicht fehlen. Aber ich habe versucht, schlicht und einfach zu schreiben, und die Ereignisse in der erregenden Folge zu schildern, wie sie auf mich zukamen. Mir scheint, dass alle Erlebnisse, deren Zeuge ich war, für sich selbst sprechen, sie sind lediglich von mir festgehaltene Tropfen aus dem Ozean des Bösen und der Verbrechen in den sowjetischen Lagern. Um der Wahrheit willen muss ich sagen, dass ich niemals bis nach ganz unten gesunken bin und im allgemeinen noch viel Glück hatte.

Wer bis auf den tiefsten Leidensgrund hinabgestürzt ist und die Grausamkeit des sowjetischen Lagersystems in ihrem ganzen Umfang erfahren hat, kann die Lager nicht lebend verlassen. Seine Stimme wird niemals und von niemandem, außer von Gott, gehört werden. Was ich schildere, sind nur blasse Schatten, die die grellen Farben des realen Bösen nur erraten lassen. Viele meiner Freunde, die in den Sowjetlagern zurückgeblieben sind, baten mich, wenn ich in die Freiheit gelange, die Welt zu unterrichten, wovon wir Zeugen waren, und ich habe sie um dasselbe gebeten, denn niemand wusste, wann es ihm beschieden sein würde, den Bereich hinter dem Stacheldraht zu verlassen.

Unser Versprechen ist mir heilig.
Ich habe dieses Buch für jene geschrieben, die sich über das Niveau eines bürgerlichen Egoismus erheben können, für jene, für die das Übel nicht erst mit ihrem persönlichen Betroffensein beginnt, für jene, die bereit sind, gegen das Böse zu kämpfen, zu kämpfen ? und zu siegen, denn wer zum Kampf gegen das Böse angetreten ist, ist bereits Sieger, wie allmächtig das Böse auch scheinen mag.

Über vierzig Jahre, nachdem diese Zeilen gedruckt wurden, habe ich dieses Buch wieder zur Hand genommen und möchte es als Ergänzung zu den unterdessen von mir geschriebenen Romanen nach der Beendigung der kommunistischen Epoche auch meinen deutschen Lesern zugänglich machen, und all denen widmen, die unter Einsatz ihres Lebens an dem titanischen Kampf zum Sturz der kommunistischen Diktatur in Russland teilgenommen haben, den Sieg aber nicht erleben durften.

Jurij A. Treguboff

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