Beim Minister

Blaue Skizze gezeichnet von Dr. Andrey Redlich

Blaue Skizze gezeichnet von Dr. Andrey Redlich

Überraschend wurde ich in eine mir bisher unbekannte Etage der Lubjanka gebracht: Dieses Zimmer ist noch größer als das eben von mir verlassene, aber es erscheint fast dunkel. Jemand sitzt am Tisch und schreibt. Nur die hellen Hände sind deutlich zu sehen. Der Sitzende sieht mich an. Sein gescheites Gesicht ist rasiert, voll, ein wenig gedunsen. Über die Wange zieht sich eine Narbe. Er scheint sehr müde zu sein, lilablaue, ungesunde Schatten unter den Augen und geschwollene Tränensäcke. Er trägt einen dunklen Zivilanzug, zum leuchtend weißen Kragen eine fest gebundene Krawatte. Die Augen blicken mich ruhig, klug und sehr gütig an.

“Wissen Sie, wer ich bin?“ fragt er müde. “Ich habe nicht die Ehre es zu wissen.“ “Ich bin der Minister für Staatssicherheit Abakumow.“ “Sehr erfreut.“ sage ich und mache eine leichte Verbeugung. Seine Hand vollzieht eine unbestimmte Geste. “Sagen Sie mir zunächst, wie Sie zur Sowjetmacht stehen.“ “Wie ich zu ihr stehe? Scharf ablehnend.“ Abakumow nickt mit dem Kopf. “Gut, Treguboff, aber wie steht es jetzt damit?“ “Ebenso.“ Das bleiche Gesicht wird wieder düster und unbewegt. Abakumow schweigt einige Sekunden traurig. “Wissen Sie auch, Treguboff, dass der Feind vernichtet wird, wenn er sich nicht ergibt?“ “Ich weiß. Sprechen Sie von mir?“ “Ja.“ “Man braucht mich nicht mehr zu vernichten, ich bin schon längst vernichtet worden.“ “Und tun Sie sich nicht selbst leid?“ Ich schweige. “Es ist doch schade, Treguboff!“ meint er nach einer Weile. “Sie denken noch darüber nach. Wir beide könnten miteinander kolossale Dinge verrichten!“ Ich spüre, dass die Audienz beendet ist.

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