Perspektivenwechsel

kochinke05Plötzlich weiß er, dass ihn der kleinste Fehltritt, jede geringste Erschütterung das Leben kosten kann. Dem Taxifahrer, der ihn vom Krankenhaus zum Bahnhof fahren soll, bittet er, schnelles Abbremsen und Bordsteinkanten zu vermeiden. Er erklärt ihm warum. Doch der Taxifahrer glaubt an einen schlechten Scherz und fährt, wie er immer fährt.

Am nächsten Tag im Krankenhaus wird ihm ein Halskorsett angelegt. Es ist so hoch, dass er den Mund kaum öffnen kann. Da sich seine Halsmuskulatur aufgrund der Fixierung zurückbildet, wird der Gips in den folgenden Tagen immer lockerer. Versuche, durch Hineinstopfen von Mullbinden ihn wieder zu fixieren, misslingen.

Man beschließt ihn in eine Spezialklinik zu verlegen. Dort angekommen wird ihm ein noch gewaltigeres Gipskorsett angelegt, das über dem Beckenknochen beginnt und an der Schulter aufhört. Über dem Bauchbereich schneidet man ein Atemloch aus dem Gips, damit sich sein Bauch ungehindert heben und senken kann. Nach dem Gipskorsett wartet ein metallener Kranz auf ihn, der ihm um den Kopf gelegt wird. Vier spitze Schrauben bohren sich zur Befestigung in seinen Schädel. Bei lokaler Betäubung. Er fühlt nichts, hört aber die hässlichen Bohrgeräusche.

Es folgt die Befestigung des Gestänges, das den Kopfkranz mit Gipskorsett verbindet soll. Erreichen will man eine langsame Streckung des Halses. Er hat Angst. Zeichnet in seiner Not eine Skizze für die Ärzte, um ihnen zu erläutern, wie und in welchem Winkel man in seinem Fall den Halsbereich strecken soll. Die Ärzte beruhigen ihn und versichern, dass sie es genauso machen werden. Die Krankheit hat ihn über die Jahre gebeugt. Jetzt, da die Wirbelsäule ohnehin gebrochen ist, will man die Chance nutzen, und ihm wieder zu einem aufrechten Gang verhelfen. Die Schrauben werden angezogen. Der Kopf hebt sich. Die Schmerzen sind unerträglich. Alles dreht sich, der Fußboden fährt Karussell.

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