Ich will mehr

kochinke031972 beginnt er ein Volontariat in der Grafikabteilung des Saarländischen Rundfunks. Hier lernt er, Titelschriften und Zeichnungen für Filmbeiträge anzufertigen. Die Arbeit macht ihm Spaß, doch er will mehr. Er beschließt, die Fachhochschulreife nachzuholen und zieht nach Pforzheim.

Die quälende Frage, wie er den dort drohenden Schulalltag meistern könnte, klärt er jetzt auf seine Weise und bittet die Lehrer, während des Unterrichts herumlaufen zu dürfen. Da er der erste Schwerbehinderte an dieser Schule ist, besteht noch Lernbedarf. Er ist der Testfall und er hat Spaß daran. Dem Hausmeister hilft er beim Zeichnen eines Rollstuhl-Piktogramms, mit dem ein Behindertenparkplatz gekennzeichnet werden soll. Die letzte Etappe – die Abschlussprüfung – bezwingt er im Sitzen, Stehen und Knien. Jetzt endlich darf er studieren.
Zur Herausforderung werden die täglichen Busfahrten zur Fachhochschule. Um eventuelle Schlaglöcher in der Strasse abzufedern, stellte er sich die ganze Fahrt über auf Zehenspitzen. Manchmal vergisst er es und dann schießt ihm bei jeder Unebenheit in der Straße ein stechender Schmerz durch den Rücken.
“Man wird ruhig und bedächtig mit dieser Krankheit“, erklärt Kochinke. Schnelle Bewegungen schließen sich aus. “Wenn im Restaurant Geschirr zu Boden geht und sich alle Gäste danach umdrehen, esse ich ruhig weiter. Bis ich meinen Blick in diese Richtung gelenkt habe, ist das Geschehen ohnehin längst vorbei.“  Mit 30 Jahren ist seine Wirbelsäule komplett versteift. Inzwischen häufen sich Ohnmachtsanfälle, weil die Blutbahnen, die ins Gehirn führen, von den Wirbelsäulenspangen abgeklemmt werden.

Mittlerweile wohnt er in Mainz. Dorthin gefolgt ist er seiner Frau, die hier studiert und sich bald von ihm trennt. Er will nicht aufgeben.

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