Höllenfahrt

kochinke04Bei einer Heimfahrt über den Rhein entdeckt er das Riesenrad. Es wirbt mit seinem runden Gesicht für den jährlich stattfindenden Weinmarkt. Es reizt ihn, hoch über der Stadt zu schweben und will es ausprobieren. Sein Weg führt ihn vorher jedoch an der Achterbahn vorbei. Gerade stürzt sich der Zug in einem Affenzahn die Schienen bergab, begleitet von den befreienden Schreien der Fahrgäste. Kirmesgefühl pur. Es kitzelt ihn. Das Riesenrad ist vergessen.

Penibel verfolgt er erneut mit den Augen die Fahrt des Achterbahnzuges. Er weiß, dass er aufgrund seiner Krankheit kein zu hohes Risiko eingehen darf, die Grenzen der Machbarkeit erkennen können muss. Er kalkuliert, beobachtet aufmerksam die Auswirkung der Fliehkraft auf die mitfahrenden Gäste. Fest entschlossen löst er ein Ticket und nimmt hinter dem Sicherheitsbügel Platz. Mit einem Ruck beginnt es. Die Schienen führen nach oben. Dann geht es abrupt in die Tiefe. Im 90-Grad-Winkel rast der Wagen abwärts. Zum Aufatmen bleibt keine Zeit. Hinter der nächsten Kurve wartet ein Loop. Mit über hundert Sachen rattert die Bahn in die Schikane. Danach folgt ein zweiter senkrechter Fall. Kochinke fühlt sich wohl, jauchzt, schreit, genießt die Höllenfahrt. Doch dann kommt sie. Die letzte Welle direkt hinter dem Kassenhäuschen. Er hatte sie bei seinen Beobachtungen nicht sehen können. Dann kracht es. Tief im Körper alles zerbrochen. Er steigt aus. Ihm ist schlecht und er setzt sich auf eine Bank.

Er bittet einen vorbeigehenden Passanten, einen Arzt zu rufen. Es kommen Mitarbeiter des Roten Kreuzes und bringen ihn in ein Zelt. Dort wird er auf eine Bank gelegt. Langsam geht es ihm besser. Das Angebot, ihn ins Krankenhaus zu bringen, lehnt er ab. Eine Stunde später setzt er sich auf sein Fahrrad und fährt nach Hause. Am nächsten Morgen überweist ihn sein Hausarzt zum Radiologen. Doch der kann nichts feststellen und schickt ihn wieder nach Hause. In den folgenden Tagen hat er große Schmerzen. Sie halten ihn jedoch nicht davon ab, weiter Fahrrad zu fahren oder im Schwimmbad zu tauchen. Drei Wochen später hat er erste neurologische Ausfälle an Händen und Füßen. Auch ist sein Kopf irgendwie nach vorne gerutscht.

Auf Drängen seines Bruders fährt mit dem Zug nach Bad Kreuznach und konsultiert dort einen weiteren Arzt. Nachdem ihn dieser untersucht hat, gesellt sich der Chefarzt hinzu. Kochinke ahnt, dass die Diagnose unangenehm werden wird. Genickbruch. Drei Wochen war er mit Genickbruch unterwegs gewesen. Er ist fassungslos. Die Ärzte schockiert. Die sofortige Fixierung des Halswirbelbereichs wird angeordnet. Das kommt für ihn nicht in Frage. Zuhause wartet eine Katze auf ihn, die er für die Zeit seines Krankenhausaufenthaltes unterbringen muss.

Auf eigenes Risiko darf er das Krankenhaus noch mal verlassen. Draußen hat sich die Perspektive verändert. Plötzlich lauert in jeder Bewegung Gefahr. Während er am Morgen noch sorglos mit dem Rad zum Bahnhof fuhr, hat er jetzt Angst vor jedem Schritt.

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