Freudentränen

kochinke06Nach eine Stunde darf er aufstehen. Im Kopf dröhnt es. Er schleicht auf den Gang und bleibt stehen. Tränen steigen ihm in die Augen. Er sieht das Fenster am Ende des Flures und hat Blick auf den Wald. Zum ersten Mal nach 20 Jahren kann er geradeaus schauen.

“Es war mein größter Moment.“ Kochinke lacht. “Bis dahin habe ich die Menschen an ihren Beinen erkannt und Städte an ihren Bodenplatten.“

Drei Tage später wird ihm ein Stück Beckenkamm implantiert. Der entstandene Hohlraum soll aufgefüllt werden. Darüber hinaus wollen ihm die Ärzte zur Fixierung der Halswirbelsäule eine Metallplatte einpflanzen. Er lehnt ab. Er will kein Metall in seinen Körper. Seine Energie soll ungehindert fließen. Die Alternative ist, das Gipskorsett, den Kopfkranz und das dazugehörige Gestänge sechs lange Monate zu tragen. Er ahnt, was dies für seinen Alltag bedeutet wird – und macht es trotzdem. Nach wenigen Tagen kann er die Klinik verlassen und fährt nach Hause.

Der Gips verhindert die Ganzkörperwäsche. Zusammen mit der Krankenschwester, die ihn täglich besucht, entwickelt er ein ausgeklügeltes System. Unter dem Gips trägt er ein Hemd aus Trikotstoff, das am unteren Ende des Gipses heraushängt. An dieses wird alle zwei Tage ein neues Hemd angenäht und mit dem alten Hemd vorsichtig nach oben unter den Gips gezogen. Auch die Kleidung darüber erfordert einige Raffinessen. Die Freundin seiner Mutter versieht T-Shirts und Pullis mit mehreren Reißverschlüssen, damit sie über den Gips und das Gestänge passen. Letzteres macht auch das Haare waschen schwierig. Die Öffnungen am Kopf dürfen sich nicht entzünden. Betten machen, spülen und Kochen schafft er alleine. Nachts liegt sein Kopf frei schwebend, denn der metallene Kopfkranz lässt ihn Abstand halten zum Kopfkissen.

Das alles macht ihm wenig aus. Zu wertvoll ist die Wiedererlangung des geraden Blicks. In den folgenden Monaten tourt er durch Deutschland, besucht Freunde, geht ins Kino, sogar Tanzen. Auf der Straße erregt er Aufsehen. Kinder fragen ihn unverblümt, was er auf dem Kopf trage. Er nennt es für sich seinen Heiligenschein. Andere glotzen nur. Frauen geben sich sensibler als Männer. Halbstarke kloppen verletzende Sprüche auf seine Kosten.

Am 21. April 1995 wird ihm sein Gipskorsett abgenommen. Es ist der Geburtstag seines Bruders. Und irgendwie jetzt auch seiner.

Die Zeit des Gipskorsetts und des Kopfkranzes ist nicht vergessen, doch lange vorbei. Die Wette, die er vor zehn Jahren mit seinen Ärzten abgeschlossen hatte, ist gewonnen. Er hatte gewettet, dass er mit Hilfe geistiger Konzentration die Beweglichkeit seiner Wirbelsäule stärken würde. Befreit ist er nicht von der Krankheit, aber er fühlt sich wohl. Hat sich eingerichtet in seinem zweiten Leben, in dem er liebevoll begleitet wird von seiner neuen Frau. Achterbahn würde er heute nicht mehr fahren. Nein. Doch die Abenteuerlust ist geblieben. Er schmunzelt. “Heute träume ich vom Fallschirmspringen.“

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