Der Pudding kommt

Er war klein und recht beleibt, aber immer sehr elegant gekleidet. Stets herrschte große Aufregung vor seiner Ankunft. Das Zimmer musste perfekt sein, kein Krümmelchen durfte das saubere Bild beeinträchtigen. Schließlich sollte sich der prominente Gast wohl fühlen in unserem kleinen Hotel.

Unser Hotel, sage ich, dabei war ich dort nur Zimmermädchen und das auch nur für drei Monate. Herbst 1956, es war das Jahr, in dem ich Bayern, meine zweite Heimat nach der Vertreibung aus dem Sudetenland, verlassen musste. Mutter hatte mich weggeschickt. “Du musst jetzt selbst für Dich sorgen”, sagte sie.

Mit meinen 17 Jahren wusste ich noch nicht wohin und folgte schließlich den Spuren meiner älteren Schwester. Diese hatte sich inzwischen im Rhein-Main Gebiet niedergelassen. Wohnen konnte ich vorerst bei ihr, zumindest solange, bis ich von meiner Arbeit leben konnte.

Die erste Anstellung führte mich in das kleine Hotel an der Gustavsburger Hauptstrasse. Außer mir gab es dort noch zwei weitere Zimmermädchen, eine Auszubildende, den Koch, die Küchenhilfe und natürlich die beiden Wirtsleute. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, ihren Dialekt zu verstehen. “Michi, des müsse mer so mache.” Der Lieblingssatz der Ehefrau ist mir heute noch in Erinnerung.

Der Dienst begann in der Frühe und meine Arbeit bestand im Säubern der zwölf Zimmer, dem Fenster reinigen, Wäsche bügeln und Mangeln und dem Putzen der Schuhe, die unsere Gäste abends vor ihre Zimmertüren stellten.

Heute noch erinnere ich mich an den kleinen Balkon, auf dem ich all die Schuhe eincremte und glänzend polierte. Leider wusste ich danach nicht immer mit Bestimmtheit, welche Schuhe vor welche Tür zurückgestellt werden mussten. So begleitete mich am nächsten Morgen meist eine gewisse Nervosität.

Nervös war ich auch beim ersten Benutzen eines Staubsaugers. Noch nie hatte ich so ein Ungetüm gesehen, und der Lärm flößte mir höllischen Respekt ein.

Der Betrieb war in den meisten Tagen eher gemächlich. Meist wurde das Hotel von Geschäftsreisenden aufgesucht, die nicht lange blieben. Eines Morgens hieß es jedoch: “der Pudding kommt”. Alle waren in Aufruhr. Ich hatte keine Ahnung, welcher Gast mit diesem nicht besonders liebevollen Kosenamen bedacht wurde. Meine Kolleginnen klärten mich auf. Sein Name war mir damals nur entfernt ein Begriff. Ich brachte ihn nicht mit dem Puddingangebot im Einkaufsladen um die Ecke in Verbindung.

Es handelte sich um Rudolf-August Oetker, Nahrungsmittelproduzent aus Bielefeld und einer der größten deutschen Reeder zu damaligen Zeit. Dennoch – er blieb mir unvergessen, denn eines Tages drückte er mir 5 Mark Trinkgeld in die Hand. Noch nie hatte ich so viel Geld bekommen. “Für die Brautschuhe”, sagte er.
Brautschuhe – das war das Letzte an was ich dachte. Ging es doch erstmal darum, mein Leben bestreiten zu können. Davon gekauft habe ich mir nach langem Abwägen einen weißen Glockenwecker mit großen schwarzen Ziffern. Rechtzeitig zum Dienst kommen, das musste sein.

Autorin:

Anna Müller, Mainz

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