Der Kekskrümmel

Es lag nicht an mir. Nein, es muß der Kekskrümmel gewesen sein, der mich verraten hatte. Aber lassen Sie mich die Geschichte von Anfang an erzählen.

Weihnachten 1974. Mit meinen 10 Jahren war ich in voller Erwartung auf die vielen Geschenke, die da hoffentlich unter dem Weihnachtsbaum liegen würden. Und da das Warten auf das Christkind recht hungrig machte, war die Notwendigkeit einer kleinen Leckerei für zwischendurch doch recht groß. In solchen Momenten war der Abstecher in die Speisekammer immer recht wilkommen. Noch willkommener war für mich als Enkel eines Konditormeisters der Griff in eine der vielen Keksdosen, die gefüllt mit duftenen Backwerk darauf warteten, die Weihnachtstage kulinarisch zu verschönern.

Gefördert wurde dies durch die Tatsache, dass ich es war, dem an Weihnachten eine besondere Aufgabe übertragen wurde, die mich sozusagen direkt ins Kekslager führte. Inhalt dieser Order war das Auffüllen der sogenannten Étagère mit den von meinen Eltern liebevoll hergestellten Keksen und Gebäck. Dabei ist eine Étagère – die Zunft der Porzellanhersteller möge mir verzeihen – ein kunstvoll verzierter Teller, aus dessen Mitte eine ebenso verarbeitete Stange herausragt, sodass in entsprechender Höhe ein zweiter und dritter Teller, die jeweils kleineren Ausmaßes sind, befestigt waren. Klar, dass ich mich gern für diese Aufgabe gemeldet habe. War sie ja auch eine der ersten logistischen Planungen, die ich durchzuführen hatte. Schließlich war es ja nicht nur ein Weihnachtsteller, sondern gleich drei Schalen, die zu befüllen waren. Zusätzlich standen den drei Tellern oft auch nicht nur drei Keksdosen gegenüber, sondern gleich fünf bis sechs, die darüber hinaus oftmals nicht nur eine Sorte beherbergten. Dazu hatten nicht alle Kekse die gleiche Größe, sodaß von mir auch entschieden werden mußte, auf welchem der drei Teller eine bestimmte Gebäcksorte am besten zur Geltung kam.

Insgesamt eine zwar sehr schwierige, jedoch gut lösbare Aufgabe, wenn… ja wenn da nicht dieser Duft gewesen wäre: Vanille, Nuß und Puderzucker und noch vieles mehr. Der geneigte Leser wird es mir sicher nachsehen, daß sich sodann manch ein Gebäckstück zielsicher in meinen Mund verirrt hatte. Ja – vielleicht auch zwei…. Wäre ja alles nicht so schlimm gewesen, wenn da nicht besagter Kekskrümmel gewesen wäre, dieser Verräter. Dieser muß sich im Zuge der beschriebenen „Qualitätskontrolle“ unbemerkt in meinem Pulloverkragen versteckt haben. Leider erblickte meine Mutter die verräterische Spur und missbilligte, dass die Abnahme der gebackenen Weihnachtskekse nicht erst in der Guten Stube stattfand, sondern direkt im sicher geglaubten Kekslager. Eine kurzfristige Amtsenthebung meinerseits war die Folge. Und alles nur wegen des Kekskrümmels…

Verfasser: Andreas Bernhard

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